Von: Marjân Hoseyni
Shahrzadnews
Übersetzung: ©fartaab

Nach den islamischen Gesetzen können Männer standesamtlich vier Frauen und daneben unzählige Frauen als siqe [1] haben; und obwohl in den iranischen Gesetzen nichts darüber erwähnt wurde, gibt es auch kein Verbot der Polygamie; es gibt sogar Gesetze, die auf die Situation in einer zweiten, dritten und…Eheschließung mit einer Frau hinweisen.
Diese direkten und indirekten gesetzliche Grundlagen der Polygamie hängen wie ein Damokles Schwert über den Köpfen der iranischen Frauen und sind eine ständige Bedrohung für ihre Psyche. Die Ratschläge der bejahrten Frauen der Familie, die sie ihren jungvermählten Bräuten und Töchtern geben, sind das Zeichen der Unsicherheit, mit der sie selbst Jahre lang gelebt haben: „Pass auf die Ernährung deines Mannes auf, damit er versorgt und zufrieden ist, sonst würde er sich umgucken“, „wenn der Mann unzufrieden und unbefriedigt ist, würde er auf der Suche nach einer anderen Frau sein“, „du sollst mit ihm Geduld haben und alles ertragen, sonst würde er schon Morgen Hand in Hand mit einer neuen Frau nach Hausen kommen und dir sagen, sie sei die zweite Frau (havu) [2]“ und…
Die warnende Worte haben ihren Wurzeln nicht nur in den Erfahrungen der bejahrten Frauen der Familie, sondern die Taten und Worte einiger Verantwortlichen in der Regierung und Gesetzgeber bestätigen die Ängste der Frauen. Die Polygamie ist noch nicht verbreitet und es herrscht immer noch die Einehe, aber das Scheußliche vor Jahrzehnten, das man in einem Mann, der in Polygamie lebte, sah, verblasst sich nach und nach.
Rezâ, ein 60 jähriger Mann, dessen Schwiegersohn eine zweite Frau geheiratet hat, sagt: „Als wir jung waren, gab so was nicht. Wenn jemand noch eine zweite Frau heiraten wollte, ließ das Gesetz nicht einfach zu. Erst müsste die erste Frau ihre Billigung dazu äußern, täte sie es nicht und der Mann vermählte sich dann heimlich, gingen er und der âqed [3] beide ins Gefängnis. Jetzt ist aber alles einfach geworden, er (der Schwiegersohn) brachte die zweite Frau zu meiner Tochter nach Hause und sagte, wenn er nicht für meine Tochter aufkommen würde, könne sie dann ihn verklagen. Als ob alles nur mit Geld zu tun hätte“.
Einige der Gründe für die Polygamie sind nach wie vor die Unfruchtbarkeit, Krankheit und der Alterungsprozess der Frau. Das sind Gründe, die als Vorwand für das wollüstige Verlangen mancher Männer benutzt werden; sie aber selbst erwarten und verlangen von ihren Frauen, sie sollen bei ihren Männern bleiben, wenn diese selbst zeugungsunfähig, krank und alt werden. Sie erwarten das von ihren Frauen, handeln aber selbst anders.
Sorayyâ, die immer noch im Schockzustand ist, weil ihr Mann eine zweite Frau geheiratet hat, sagt: „Ich sage nicht, warum er sich noch eine zweite Frau geholt hat, ich sage, warum er mir nichts darüber erzählt hat? Warum hat er sich nicht zuerst von mir scheiden lassen, damit ich auch mein Leben lebe? Warum muss ich nach fünf Jahren erfahren, dass er mich betrogen hat?“
Sie sagt diese Worte bei der Gerichtsverhandlung wegen ihrer Klage zur ihrem abgelehnten Scheidungsantrag. Aber der Richter lehnt ihre Gründe für unzureichend ab: „Er zahlt doch für den Unterhalt. Jeden zweiten Abend ist er auch bei dir. Er schlägt dich auch nicht. Er hat nur eine zweite Frau geheiratet, das wiederum nicht gegen den Scharia und das Gesetz ist. Um Gotteswillen, was hättest du den getan, wenn er hinter schlechten Frauen (Prostituierten) her wäre?“
Trotz der gesetzlichen Unterstützung wird die Polygamie im Versteck betrieben. Der 47 Jahre alte Hušang, der vor ein paar Monaten eine 20 jährige Frau geheiratet hat, sagt: „Wenn meine erste Frau davon Wind bekommt, würde sie uns die Hölle heiß und das Leben für uns alle unerträglich machen. Ich bin aber auch ein Mann, der junge Frauen bevorzugt. Nie habe ich sie und meine Kinder im Stich gelassen. Die Nächte, die ich mit der anderen Frau zusammen verbringe, heißen im Auftrag der Firma unterwegs zu sein, und sie kauft es mir ab“.
Er wird sich von seiner ersten Frau nicht scheiden lassen, denn er lebt mit ihr seit 20 Jahren, während derer er mit seiner Frau Kinder erzeugt hatte, die jetzt im Alter seiner zweiten Frau sind. Andererseits hat er nicht den Mut das Zusammenleben mit seiner ersten Frau aufzugeben und alles auf den Kopf zu stellen; er hat zu großer Angst vor das Gerede der Leute. Er selbst sagt: „Meine Frau tut mir leid. Wohin soll sie nach all diesen Jahren gehen? Warum soll ich mich von der armen Frau scheiden lassen, sie und ihre Kinder obdachlos machen? So ist es zu ihrem Vorteil. Na ja, es ist die Natur des Mannes abwechslungsreicher zu sein“.
Die Trümmer all der Erniedrigungen und Versteckspielereien solcher betrügerischer Männer werden meistens nach ihrem Tod über dem Kopf ihrer ersten Frauen zusammenbrechen. Die 50 jährige Samirâ brach am Grabe ihres Mannes zusammen, als sie eine junge Frau mit zwei kleinen Kindern am Grab sah, die wegen der Erbschaft Ansprüche erhoben hatte. Für etwa eine Woche konnte sie es nicht wahr haben, nach all diesen Jahren das Haus, das sie mit Mühe Ziegel für Ziegel aufgebaut hatte, jetzt mit einer anderen neu angekommenen Frau zu teilen.
Nach iranischen Gesetzen erbt die Frau ein Achtel der beweglichen Reichtümer ihres Mannes und genauso viel von dem Wert der unbeweglichen. Wenn nun der Verstorbene noch eine zweite Frau hätte, müsste dieser Anteil vom ein Achtel zwischen beiden Frauen geteilt werden.
Trotz all der direkten und indirekten Propaganda und der Bemühungen der Gesetzgeber, die Polygamie in der Gesellschaft zu vereinfachen und zu propagieren, findet die Polygamie keine Akzeptanz bei der Sitte der iranischen Gesellschaft.
Alirezâ, der selbst zwei junge Töchter hat, sagt: „Nennen Sie mir einen ehrlichen, ehrenhaften und rational denkenden Mann, der neben seiner ersten Frau noch eine andere geholt hat. Schon gehört: Nur eine Geliebte, nur ein Gott“.
Viele junge iranischen Männer protestierten und verteilten sogar Broschüre, in denen sie die Bevölkerung aufforderten, gegen die Gesetzesvorlage zum Schutz der Familie, die auf der Tagesordnung des Parlaments steht, und in deren Inhalt der Paragraph § 23 signifikant die Polygamie verteidigt und gebilligt wird, zu protestieren. Sa’id, der ein Medizinstudent im dritten Semester ist sagt: „Dieser Paragraph ist eine Beleidigung für beide Geschlechter. Wenn das Gesetz dem Mann erlaubt, er könne, wenn er Geld hat, mehrere Frauen heiraten, dann verletzt und ignoriert das Gesetz die Gefühle des Mannes“.
Er sagt: „Es ist eine Schande, neben der Frau noch eine andere egal als eine zweite Frau oder eine Geliebte zu haben; so etwas wäre ein harter Schlag für eine Frau; aber das ist wiederum völlig inakzeptabel, wenn man einfach so eine Frau nach Hause bringt und unverschämt noch dazu sagt, „das ist mein gutes Recht, noch eine Frau zu haben“, und die erste Frau muss auch bei ihm bleiben, alles ertragen und keine Rechte bekommen“.
Vielleicht sind solche flagrante und schändliche Erniedrigungen der iranischen Frauen die Gründe der psychischen Besorgnis und Depression, die von Tag zu Tag die Statistik der psychischkranken Frauen in die Höhe treiben; und immer wieder hören wir, dass hier und da eine Frau Selbstmord begangen hat.
Anmerkung:
[1] Siqe: Eine Zeitehe, bei der die Frau und Mann sich für eine bestimmte Frist in eine Ehe schließen.
[2] Havu: Die zweite Frau eines Mannes; eine abwertende Bedeutung und Benutzung des Wortes in der Umgangssprache der Iraner.
[3] Âqed: Die Person, die eine Trauung durchführt. Ein Standesbeamter oder Mullah.
©fartaab / PERSIK






